Und wenn es 99% wären?


99%. Das ist die magische Zahl derer, die angeblich Opfer von Zwangs- oder aber Armutsprostitution sind -

zumindest, wenn man den unbelegten Aussagen der Sexkauf-Gegner*Innen Glauben schenkt. Als Prämisse für meine Betrachtung möchte ich nun einfach so tun, als würde diese Zahl stimmen. Dabei möchte ich nicht auf sogenannte „Zwangsprostitution“ eingehen. Hierbei handelt es sich um sexualisierte Gewalt, um Vergewaltigung, um Straftatbestände und nicht um Sexarbeit. Ich möchte den Fokus auf die „Armutsprostitution“ legen. Denn auf eine Sache können sich Gegner*innen wie Befürworter*innen des Sexkaufs wohl einigen: Die meisten Menschen gehen ihrem Beruf nach, um Geld zu verdienen. Wenn in der Prostitution die Fraktion der von bitterer Armut getriebenen aber überdurchschnittlich groß und diese zudem überdurchschnittlichem Leid ausgesetzt ist, welche Schlüsse müssten daraus gezogen werden? Könnte ein Verbot der Sexarbeit die Not und das Leid dieser Menschen vielleicht wirklich lindern?


Die Behauptungen, ein Job sei „erfüllend“, „empowernd“ oder gar „selbstbestimmt“, sind nicht geeignet, um über die Daseinsberechtigung eines Berufszweigs im Kapitalismus zu urteilen. Diese Kategorien sind schlicht nicht relevant wenn es darum geht, irgendwie ein Dach über dem Kopf und ein Brot auf dem Teller zu haben. Theo Meow hat dazu schon gesagt, was gesagt werden muss. Diese Behauptungen wären zudem immens verantwortungslos und egoistisch, wenn damit tatsächlich 99% der Beschäftigten in Unterdrückung und Armut mutwillig ignoriert würden.

Armut macht anfällig für Abhängigkeit. Wenn ich nicht in der Lage bin, einen kurzen Verdienstausfall zu überbrücken, ohne in Existenzbedrohung zu geraten, bin ich geneigt, Dinge zu tun, die ich unter anderen Umständen ablehnen würde – das Grundproblem in der Armutsprostitution. Was aber sind die Ängste, was sind die Existenzbedrohungen, die Menschen dazu treiben, in Beschäftigungen tätig zu sein, die sie „verkommen lassen“ – wie es auf einem Plakat des Vereins Sisters heißt, mit dem, großzügig unterstützt von der Stadt Stuttgart, gegen Prostitution mobilgemacht wird?



Ein Faktor ist die Angst vor Obdachlosigkeit. Schon mit „klassischen“, „sicheren“ Berufen wird es immer schwieriger, die steigenden Mieten zahlen zu können – und zwar längst nicht mehr nur in der Stadt, sondern inzwischen sogar auf dem Land (Quelle). Parallel dazu hat sich die Zahl der Sozialwohnungen seit dem Jahr 2006 nahezu halbiert und sinkt weiterhin. Wer Angst hat, die Wohnung zu verlieren oder diese schon verloren hat, wer vielleicht noch nicht obdach-, sondern „nur“ wohnungslos ist, landet unweigerlich in Abhängigkeitsverhältnissen, die es enorm erschweren, das eigene Recht, die eigene Sicherheit und darüber hinaus die eigenen Interessen und Wünsche einzufordern oder zu verhandeln.


Ließe sich dieser Umstand durch ein Sexkaufverbot ändern? Ein reines Verbot käme einem Entzug der Einkünfte gleich und würde somit nur den Umstand befördern, vor dem sich alle fürchten. Daher sind bei einem Sexkaufverbot zusätzliche Beratungs- und Förderprogramme vorgesehen, um die finanziellen und sozialen Folgen abzufangen und mögliche Alternativen aufzuzeigen oder zu ermöglichen. Länder, die ein Sexkaufverbot umgesetzt haben, bieten solche Programme bereits an – allerdings aus unterschiedlichen Gründen nicht praktikabel, nicht zielführend und nicht wirkungsvoll. Doch darum soll es hier gar nicht gehen. Die Frage, die sich für diesen Text stellt, ist: Was könnte ein solches Programm in Deutschland leisten? Um nicht in der Kristallkugel lesen zu müssen und sich in Mutmaßungen zu ergehen, möchte ich dafür einen Blick auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes der vergangenen Jahre in Deutschland werfen. Die Programme sollten schließlich dafür qualifizieren, Alternativen zur Sexarbeit auf diesem Arbeitsmarkt zu finden. Da nicht davon auszugehen ist, dass dieser Anpassungen und Veränderungen unterliegen würde, die ohne ein Sexkaufverbot nicht möglich wären, ist es meiner Meinung nach sinnvoll, den Status quo als gesetzt zu sehen. Was also sind die Gegebenheiten?


Die Arbeitslosenzahlen in Deutschland sind tatsächlich seit 15 Jahren rückläufig – das heißt, es könnte durchaus möglich sein, ehemalige Sexarbeiter*innen über Vermittlungsprogramme in neue Berufe zu bringen. Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass wir ein Sexkaufverbot besprechen, um Menschen aus finanzieller Not und Armut einen Ausweg zu bereiten und Abhängigkeitsverhältnisse aufzubrechen. Daher ist es wichtig, sich die Art der Beschäftigungsverhältnisse näher anzusehen. Die sinkende Zahl der Arbeitslosen basiert auf Reformen des Arbeitsmarktes. Hierbei lässt sich ein deutlicher Trend ablesen:


Politische Reformen In Deutschland haben in den letzten Jahren die Einkommensstruktur verändert. Zum Beispiel arbeiten Im Niedriglohnsektor mittlerweile etwa ein Viertel der Beschäftigten. Die stetige Zunahme der Beschäftigung in Deutschland wird von vielen Ökonomen auf diese Erfolge zurückgeführt. Kritiker dieser Entwicklung stellen eine Zunahme des Phänomens "Arm trotz Erwerbsarbeit" fest.

(Quelle)


Die Wahrscheinlichkeit, dass ehemalige Sexarbeiter*innen in den Niedriglohnsektor vermittelt werden sollen, ist enorm hoch. Das hat unterschiedliche Gründe, auf die ich gleich noch zu sprechen kommen werde. Zunächst bleibt aber festzuhalten: Einen Ausweg aus der Armut wird ein Begleitprogramm zum Sexkaufverbot kaum aufzeigen können – denn in den vergangenen 15 Jahren hat die Struktur des Arbeitsmarktes vor allem weitere Armut produziert. Und zwar in einem solchen Ausmaß, dass für viele Beschäftigte ein einziger Beruf allein nicht mehr ausreicht. Die Zahl der Mehrfachbeschäftigten hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt.

Warum ich nun davon ausgehe, dass Sexarbeiter*innen ebenfalls im Niedriglohnsektor landen? Das hat mehrere Gründe: Einerseits ist Sexarbeit bis heute mit enormem Stigma verbunden. Studien aus Ländern mit einem Sexkaufverbot zeigen deutlich, dass diese Vorbehalte nach Einführung des Gesetzes von Jahr zu Jahr in der Bevölkerung zugenommen haben. Darüber hinaus sind in der Sexarbeit tätige Menschen häufig mehrfach-marginalisiert und erhöhten Anfeindungen ausgesetzt – zum Beispiel, weil sie nicht heterosexuell oder trans sind. 30% der Homosexuellen und über 40% der trans Menschen werden auf dem deutschen Arbeitsmarkt diskriminiert. Damit bildet Deutschland im internationalen Vergleich mit 19 weiteren Ländern das Schlusslicht in Bezug auf Antidiskriminierung am Arbeitsplatz (Quelle). Hinzu kommt, dass viele Sexarbeiter*innen keinen oder keinen in Deutschland akzeptierten Abschluss haben, keine Arbeitserlaubnis erhalten, sich illegalisiert im Land aufhalten oder aus anderen Gründen nach der Logik des Arbeitsmarktes nur für den Niedriglohnsektor (wenn überhaupt) in Frage kommen. Ein Begleitprogramm, das auf Fort- und Weiterbildung ausgelegt wäre, könnte vielleicht Abhilfe schaffen. Allerdings müsste es dann auch in diesem Fall eine komplette Kehrtwende in der deutschen Entwicklung vollziehen können. Denn bei sozialen Aufstiegschancen ist Deutschland alles andere als ein Vorreiter:


Größte Hürden für die sogenannte soziale Mobilität sind demnach Ungleichheit bei Bildungschancen, mangelnder Zugang zu Technologie und Schwächen in der Lohngerechtigkeit.

(Quelle)


Fun Fact: Schweden schneidet bedeutend besser ab – und schafft es trotzdem kaum, umstiegswillige Sexarbeiter*innen zu unterstützen.


Ein weiterer großer Armuts- und Risikofaktor ist die „Beschaffungsprostitution“, das heißt, in der Sexarbeit tätig zu sein um den eigenen Drogenkonsum finanzieren zu können. Die deutsche Drogenpolitik setzt nach wie vor auf den gescheiterten Ansatz der Strafverfolgung und behandelt „Drogenmissbrauch“ damit als strafrechtliches, nicht als gesundheitliches Thema. https://mybrainmychoice.de/ fordert ein Umdenken, auch die Deutsche Aidshilfe und zahlreiche Wissenschaftler*innen verlangen seit Jahren eine Anpassung der veralteten Gesetzgebung. Und damit kommen wir zurück nach Stuttgart, der Hauptstadt der Sexkaufgegner*innen. Hier sind in den vergangenen Jahren die Verurteilungen wegen Drogendelikten in die Höhe geschossen – in manchen Altersgruppen um bis zu 20% (Quelle). Wer aufgrund seines Betäubungsmittelkonsums in die Mahlwerke der Justiz geraten ist, der wird so schnell nicht aus diversen Abhängigkeiten ausbrechen können – auch das zeigen die Zahlen. Doch eine bessere Drogenpolitik scheint nicht in Sicht.

Welches Fazit lässt sich nun ziehen? In allen relevanten Punkten kann ein Sexkaufverbot – egal wie gut es umgesetzt zu sein scheint – nichts dazu beitragen, die Ursachen für Leid und Armut der Betroffenen zu bekämpfen. Im Gegenteil, die gesamte Politik der vergangenen Jahre ist darauf ausgerichtet, die Gründe für die Abhängigkeiten sogar noch zu verstärken. Nichts lässt darauf schließen, dass die angekündigten Hilfen im Falle eines Sexkaufverbots tatsächlich geeignet wären, wirksam und zielführend zu sein. Wenn Sexkaufgegner*innen also behaupten, 99% der Sexarbeiter*innen seien Armutsprostituierte, wenn diese Zahl tatsächlich stimmen würde – und das war schließlich die Prämisse dieses Textes – dann wollen sie den Sexarbeiter*innen nicht helfen, sondern ihnen schlicht diese Alternative des Geldverdienes nehmen, um sie in neue, schlechtbezahlte, mehrfache Abhängigkeitsverhältnisse zu treiben, die häufig zudem unvereinbar sind mit Familie (oder Schlaf oder Freizeit). Oder sie direkt abschieben. Damit dürfte die Behauptung gerechtfertig sein: Es geht nicht um Armut, es geht nicht um Hilfe, es geht um Sex. Es geht darum, was, wo und wie Sex sein darf. Das festzulegen scheint wichtiger, als Menschen in Not beizustehen. Das ist recht erbärmlich.

Die Sexkaufgegner*innen, allen voran Leni Breymaier (SPD), aber auch die entsprechenden Vertreter*innen aus der CDU, stehen für genau jene Parteien, die die Arbeits- und Sozialpolitik der vergangenen 20 Jahre geprägt haben – mit den beschriebenen Auswirkungen. Wenn sie die Ursachen von Armut bekämpfen würden, wenn sie für Gerechtigkeit, Diskriminierungsfreiheit und menschenwürdige Bezahlung einträten, wenn sie daran arbeiteten, dass es tatsächliche Alternativen für die Sexarbeiter*innen gibt, dann könnten sie von mir aus ein Sexkaufverbot fordern. Aber dann wäre es ohnehin obsolet, denn dann könnten jene, die in einer anderen Branche arbeiten wollen, ohne um ihre Existenz oder ihre Gesundheit fürchten zu müssen, das einfach tun. Doch die bisherigen "Lösungsansätze" gehen nicht über das hinaus, was im Kapitalismus immer noch die beste Möglichkeit war, um nicht auf lange Sicht zu verzweifeln: Stop being poor! Sexkaufgegner*innen möchten hinzufügen: Or be poor on my terms and conditions.